THAT`S LIFE

Bereits als ich die ersten Stufen meiner Kellertreppe betrete, steigt mir ein vertrauter Geruch in die Nase. Ein Geruch, der meinen neuen Nachbarn wohl weniger gefällt, in mir allerdings ein Gefühl der Vorfreude wachsen lässt. „Verdammt“, denke ich während ich den Schlüssel ins Schloss führe: „Hier unten riecht es wie in einem Angelladen.“
Ich war sehr lange nicht hier unten. Zu lange, wenn ich genauer darüber nachdenke. Ich mache das Licht an und betrachte eine Weile mein olivgrünes Hab und Gut. Viele Monate stand es unberührt, fast schon nutzlos herum. Während meines Umzuges vor einiger Zeit erblickte meine Ausrüstung kurz das Tageslicht, um danach wieder für unbestimmte Zeit in den Katakomben dieses Mietshauses zu verschwinden. „Die letzten Monate war eben nicht leicht“, sage ich mir immer wieder. Doch es gelingt mir nicht, für mich selbst eine plausible Erklärung dafür zu liefern, dass ich eines der Dinge, mit dem höchsten Stellenwert in meinem Leben so unglaublich lange links liegen lassen konnte.
Mittlerweile weiß ich, dass es im Leben „leider“ ab und zu Wege gibt die man einschlagen muss, auch wenn diese nicht gerade an viel Spaß, Freizeit oder einem hohen Maß an Möglichkeiten für die Entwicklung eigener Interessen vorbei führen.
Plötzliche Arbeitslosigkeit und Jobsuche, familiäre Miseren, mehrere Umzüge und zu viel zu tun in Kombination mit zu wenig Zeit machten mir in den letzten Monaten das Leben ziemlich schwer und zeitweise sehr unangenehm. All die schönen Pläne die ich im letzten Winter schmiedete, verliefen nach und nach im Sande. Doch langsam habe ich wieder Fuß gefasst. Die Blätter der Bäume fallen. Die dunkle Jahreszeit bricht über das Land herein und ich stehe hier in meinem Keller, genieße den süßlichen Duft meiner Boilievorräte und zerbreche mir den Kopf über meinen ersten Ansitz nach so langer Zeit. Ich weiß, dass meine letzte Chance, dieses anstrengende Jahr anglerisch noch etwas abzurunden gekommen ist. Und ich werde sie nutzen!
 
Freitag Nachmittag. Ich ziehe mein Handy aus der Tasche meiner Arbeitshose um auf die Uhr zu sehen: 14:45. „Michi, ich pack ein“, brülle ich das Gerüst hinauf, während ich bereits das Kabel der Handkreissäge aufwickle. Die Tatsache, in wenigen Minuten das Wochenende zu beginnen und dem täglichen Trott zumindest für eine kurze Zeit  entfliehen zu können, lässt in einem schon eine Art Wohlbefinden aufsteigen. Der Gedanke an meinen bis unters Dach beladenen Kombi, der am Straßenrand vor meiner Wohnung parkt lässt in mir ein mächtiges Gefühl von Vorfreude aufbrodeln. Ich bin fast schon aufgeregt. Wie ein kleiner Junge etwa, der zum ersten mal Auf dem Sattel sitzt, nachdem Opa die Stützräder abmontiert hat.
Ich habe ein gutes Gefühl. Seit einer Woche haben ein guter Kumpel und ich einen Platz unter Futter gehalten. Einen Platz den wir bereits aus den vergangen Jahren wie unsere Westentasche kennen und der uns viele schöne Fische und gemeinsame Momente geschenkt hat. Auf dem Weg von der Baustelle nach Hause frage ich mich, ob der träge Transporter nicht ein wenig schneller fahren kann. Ich will, nein, ich muss ans Wasser.

Home sweet home. Viele Erinnerungen hängen an diesem Platz.

Es ist soweit, das kühle Elbwasser schwappt an meinen Watstiefeln herauf. Es ist windig, das gefällt mir. Mit einem Ruck sitze ich in meinem gepackten Schlauchboot und versuche meinen Außenboarder zu starten. Der braucht allerdings einige Anläufe bis er die ersten schwarzen Rauchwolken auspuckt und langsam anfängt wie eine alte Nähmachine zu rattern. Auch er war lange im Ruhestand.
Ich gebe Gas, und mein Boot durchneidet unter seiner Last das vom Wind aufgewühlte Wasser. Kurze Zeit später komme ich am Platz an. Wie gewohnt mir hier doch alles noch vorkommt. Ich steige aus dem Boot und beginne mein Lager für die nächsten zwei Nächte zu errichten. Angeln ist wie Fahrradfahren. Jeder Handgriff, jeder Arbeitsablauf sitzt und ist so routiniert, als wäre es nur wenige Tage her, dass ich an diesem Ufer campierte. Auch das Ablegen der Montagen mit dem großen Boot geht mir trotz Wind unerwartet leicht von der Hand und so finde ich auf Anhieb die sandigen Flecken unterhalb der Uferkante. Nachdem meine Ruten auf ihren erfolgsversprechenden Plätzen verteilt sind mache ich es mir in meinem offenen Zelt bequem, zünde mir eine Zigarette an und nehme einen Schluck Bier. Langsam wird es dunkel, doch lasse ich es mir nicht nehmen das Wasser weiterhin zu beobachten und die Magie hier draußen zu genießen. Jede Nacht am Wasser hat etwas Unvergleichliches und ist für mich jedes mal eine Art Naturschauspiel. Oftmals rollen Fische unweit von meinem Platz. Auch viel Kleinfisch, der sich durch die vielen Ringe an der Oberfläche verrät, ist unterwegs. Ich bin mittlerweile sehr müde und beschließe mich in meinen Schlafsack zu begeben, was sich nach so vielen Monaten als echte Wohltat entpuppt. Vollkommen zufrieden und ohne jeden schlechten Gedanken versinke ich nach und nach in das Reich der Träume. Doch all zu lange sollte ich hier nicht verweilen...

Klein aber fein. Wenn auch nicht einer der größten Fische aus diesem Gewässer. Dieser kleine Kumpel zeigte mir wie schön es sein kann, am Wasser zu sein.

Mein mittlerweile sehr guter Kumpel Basti. Wir sehen uns nicht oft aber am Wasser verstehen wir uns bestens.

Das Ergebnis von großem Aufwand, massiver Futterkampagnen und einem bisschen Glück

Ich kann rückblickend nur sagen dass es wirklich mehr als gut tat, die Angelei wieder aufzunehmen. Trotz alle dem war ich die letzten Monate keines Wegs unglücklich oder gar unerfüllt gewesen. Nein, ganz im Gegenteil. Ich hab trotz all dem Stress, den vielen kleinen Steinen, die mir in den Weg gelegt wurden und den ganzen Hürden die dass Leben für jeden von uns bereit hält viel gesehen, dazugelernt und begriffen. Dazu gehört besonders eine Erkenntnis, die zumindest für mich von sehr großer Bedeutung: Ich bin ich, in dem wie ich handel, wie ich mich gebe, mich ausdrücke, mich bewege und wie ich denke. Nur ich alleine weiß, wie ich am besten meinem Lebensweg bestreite. Dazu gehören viele Aspekte, wobei ich nun sicher nicht auf alle eingehen will. Ein sehr bedeutender für uns Menschen ist allerdings die Freude an manchen Dingen oder um es vielleicht noch etwas treffender auszudrücken: Die Selbsterfüllung oder Befriedigung. Manche würden es Hobby nennen. Jeder hat etwas das ihm Freude bereitet und ab und an hilft aus dem täglichen, immer gleichen Trott zu entfliehen. Sicher hat jeder da etwas anderes. Egal was, egal wie und egal wo, Hauptsache ist, dass es da etwas gibt. Jedem das seine. Mich haben in letzter Zeit viele Dinge erfüllt und glücklich gemacht. Auch wenn es mal nicht die Jagd nach unseren schleimigen Freunden war. Und ganz egal was es war, für den Moment war ich damit zu frieden. Ich bin der Meinung, dass es zu viele Regeln, Vorschriften oder gesellschaftliche Verhaltensmuster gibt, die uns in unserem Handeln beeinflussen oder oftmals gar einschränken. Zu viele Augen die gierig unser Treiben beobachten, zu viele Mäuler die anschließend darüber reden. Ich genieße es immer wieder wenn es mir gelingt, aus diesem Raster zu entfliehen und mich auszutoben. Wie ein kleiner Junge im Sandkasten ohne jede Sorge oder auch nur einen winzigen Gedanken an den morgigen Tag zu verschwenden. Auch wenn dies oft nur von kurzer Dauer ist.
 
Was ich damit sagen will, jeder Mensch soll selber bestimmen was oder wie er ist, Was er macht oder eben auch nicht. Ich möchte ich sein. Und kein Produkt von dem was andere sagen, denken oder wollen. 
 
Liebe Grüße Kai
 

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